Bauanleitungen s.u.
Wege in die Mitte finden
Ein religionspädagogisches Projekt in der Fachschule für Sozialpädagogik
Ein rätselhaftes, kreisförmiges Gebilde ( 6,80m Durchmesser) aus hellen Kieselsteinen, von Schülerinnen und Schülern der FS/U4 auf dem Schulhof ausgelegt, bewegte im Sommer 1993 Phantasie und Füße.
Wer den Eingang betritt, gerät in ein unübersichtliches Gewirr von Wegen und Gängen. Den Drang in die Mitte behindern immer wieder Umwege, Rückwege, scheinbare Irrwege. Der Eintretende muß den gesamten Raum des Kreises durchwandern, in Rundgängen und Geraden, in Annäherung und Entfernung, bis plötzlich, erhofft, aber unerwartet, der Innenraum, die Mitte erreicht ist.
Der vermeintliche Irrgarten erweist sich als ein geordnetes System von Gängen, die mit Sicherheit ins Zentrum führen. Es kommt offensichtlich darauf an, den gesamten Kreisraum, periphere und zentralere Bereiche, zu durchlaufen, nicht stehenzubleiben, das Weitergehen nicht abzubrechen, um sich dann zwangsläufig in der Mitte des gesamten Wegsystems wiederzufinden. Ängste, in Sackgassen zu geraten, sich zu verirren, werden am Ende aufgehoben in der Er-fahrung von Finden und Ankommen.
Labyrinthfiguren, entgegen heutigem Sprachgebrauch zu unterscheiden von Irrgärten, in denen der Eintretende sich hoffnungslos verlaufen kann, lassen sich nachweisen als prähistorische Felsritzzeichen, auf kretischen Münzen, in römischen Bodenmosaiken etc. Als Umgangsfiguren sind sie noch erhalten in einigen Kathedralen aus dem Mittelalter. In Chartres lädt heute noch ein Fußbodenlabyrinth mit einem Durchmesser von 13 m die Kirchenbesucher zum Abschreiten des ganzen Weges (294 m) ein. In jüngster Zeit wurden Labyrinthformen in den Treppenabsatz zur Krypta im Kölner Dom, in den Fliesenbelag vor der Hauskapelle des Maternushauses und in den Kirchenvorplatz von St. Severin eingearbeitet und 1993 auf dem Schulhof am Sachsenring ausgelegt (Gesamtdurchmesser: 680 cm, Durch-messer des inneren Kreises: 180 cm, Breite der Gänge: 41 cm, Länge des Weges: 81 m).
Eintreten in das Labyrinth des Lebens ... alleine und mit anderen unterwegs sein... in vermeintliche Sackgassen geraten... sich vom Wesentlichen entfernen und sich ihm annähern...schließlich an-kommen, Sinn und Erfüllung erfahren - diese Grundstruktur menschlichen Lebens entdeckten die Schülerinnen und Schüler der FSU 4 nicht nur in individuellen und kollektiven Lebens-geschichten heute, sondern auch in Grimmschen Märchen (Das Wasser des Lebens, Der goldene Vogel u.a.) und biblischen Erzählungen: Das Volk Israel gelangt nach lebenslanger Wüstenwanderung ins „Gelobte Land“; die Weisen aus dem Morgenland finden unter dem Stern den Weg in das „Haus des Brotes“ (Bethlehem); ein Kaufmann gibt sein Leben für die Suche und den Erwerb der „kostbaren Perle“; verlorene Söhne und Töchter finden Annahme und Gemeinschaft in einem Zuhause; die Menschheit zieht ein in die „Neue Stadt Gottes“.
Und so wurden von der Fachschulklasse spielerisch weitere symbolhafte Ausdrucksformen überlegt und geschaffen: Ins Labyrinth kroch eine Raupe aus dunklen Asphaltsteinen, die sich in der Mitte als Schmetterling entpuppte; In den Innenkreis wurde ein Baum (des Lebens) gestellt. Durch welche weiteren Dingsymbole ließe sich die Erfahrung im Innenraum ausdrücken? Durch einen reich gedeckten Tisch, ein einladendes Haus, eine Sonne, eine Osterkerze, durch fröhlich miteinander feiernde Menschen...
Das Gebilde auf dem Schulhof, gelegt aus Hunderten von Kiesel-steinen, die die Klasse aus einem Baggerloch in Widdersdorf herbeigeschafft hatte, wurde mehr und mehr zu einem visuell und motorisch erlebbaren Symbol, zu einer Brücke zwischen alltäglicher Erfahrung und Bibel, einem Fensterblick in eine tiefere Lebensdimension. Dieses Hoffnungssymbol Labyrinth spricht nicht in abstrakter Begrifflichkeit, sondern ist sinnlich wahrnehmbar, anschaulich und ausprobierbar. Wer sich einläßt in dieses Wegesystem Labyrinth, kann er-fahren: Du darfst darauf vertrauen, daß dein Lebensweg ankommt, daß dein Leben in allem verqueren Durcheinander getragen ist von einer Mitte, daß du dich selbst und Gott findest.
An einem Morgen kamen Kinder aus der Kindertagesstätte St. Josefshaus zum Sachsenring. In den Tagen vorher hatten sie eigene Erlebnisse erzählt und Geschichten gehört, wie Menschen sich verirren, getrennt werden, in einen Raum der Geborgenheit gelangen. Was narrativ angeklungen war, konnte nun auf dem Gang durchs Labyrinth leibhaftig erlebt werden: vorsichtiges Eintreten und Weitergehen, stürmisches Rennen, scheinbares Zurückgehen, Angst, Ungeduld, Hoffnung. Dann schließlich die Freude des Ankommens im Innenraum. Die Kinder fanden, in einer Schatztruhe versteckt, die „kostbare Perle“, eine große Kristallkugel, die in allen Farben des Regenbogens leuchtete. Oder sie wurden nach einem weiteren Durchlaufen des 81m langen Weges in der Mitte von der Erzieherin empfangen und umarmt.
Adolf Frahling
Aus der von mir redigierten Festschrift Hier bin ich zuhaus
75 Jahre Berufsbildende Schulen des Erzbistums Köln Am Sachsenring (1996)
Indian. Labyrinth auf dem Schulhof Sachsenring 1992
Collage von Sabeth 9 J. und Gereon 7 J.
Labyrinth im Innenhof des Maternushauses in Köln Herbst1993 - Tag der kath. Fachschulen des Erzbistums
Theseus kämpft mit dem Minotaurus
(Miniatur in einem Codex des 12.Jahrh.)
Labyrinth - Bauanleitungen
Labyrinth-Formen
- Größe und Form bestimmen - ich empfehle eine der ersten drei Labyrinthformen; den Innenkreis
großzügig bemessen (180 cm Durchmesser)
- Materialien (Kieselsteine, großer Nagel / Schraubenzieher o.ä., 4 m - Schnur: Knoten im Abstand
der Labyrinthwände) besorgen
- Mit Hilfe der Schnur, befestigt an dem Nagel in der Mitte, Innen- und Außenkreis bestimmen und mit
Kieselsteinen auslegen, danach die weiteren Gänge
durchKREUZte WEGe
Das Fastentuch im Bonner Münster 2008
Von SchülerInnen entworfenes Labyrinth auf dem Schulhof Sachsenring Sommer 1993
Labyrinth auf dem Schulhof am Sachsenring (www.berufskolleg-erzb-koeln.de) im Sommer 1993
Labyrinthsteine - Verabschiedung am 22.06.2006
Das Fastenzeit-Projekt am Bonner Münster verbindet die Motive
„Labyrinth“ und „Tod und Auferstehung Christi“.
In der Mitte des Labyrinths steht das das sogenannte „Franziskuskreuz“ aus dem 11.Jahrhundert.
Christus ist der wahre Theseus, der im innersten Zentrum der Erde und des Menschen
die todbringenden Mächte besiegt und Rückkehr ins Leben eröffnet.
Foto und Gestaltung: Norbert Bach www.citypastoral-bonn.de/fastenzeit2008
Am meisten haben mich die u.a. Bücher von Hubertus Halbfas inspiriert; alles über Labyrinthe ist zu finden in „Hermann Kern: Labyrinthe, München 1982“; Gernot Candolini (www.labyrinthe.at) gibt eine Fülle von praktikablen Erfahrungen weiter.
Hubertus Halbfas: Der Sprung in den Brunnen, Düsseldorf 1983
Hubertus Halbfas: Religionsbuch für das 4. Schuljahr, Düsseldorf 1986
www.mymaze.de (hervorragend !!!)
Okt. 2006
Der Weg ist das Ziel
„Wege in die Mitte finden“ - diese religionspädagogische und spirituelle Suchrichtung ergänze ich inzwischen durch eine andere: „Jederzeit und überall ist die Mitte zu finden“.
„Der Bau der Welt ist so, als habe sie überall ihr Zentrum und nirgends eine Peripherie, denn Umkreis und Zentrum ist Gott, der überall und nirgends ist.“ (Nikolaus von Kues, 1401-1464)
Christus, die Mitte des Menschen und des Universums, ist nicht nur das Alpha und das Omega, das A und das Z, sondern auch das A, B, C, D, E, F, G, H, i, J, K, L, M, N, O, P, Q, R, S, T, U, V, W. Er ist nicht nur der Ursprung und das Ziel, sondern auch der WEG.
März 2008
Nov. 2008
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